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  »Hier möchte ich das anfügen, was ein sehr angesehner Geistlicher gesagt hat,
daß es nämlich die Absicht des Heiligen Geistes ist, uns zu lehren,
wie man in den Himmel kommt, nicht, wie der Himmel sich bewegt.« (Galileo Galilei)

 
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Die Grundlagen der lutherischen Lehre
Rezension von MMag. Wolfram Schrems* zum Buch von Paul Hacker "Das ICH im Glauben Martin Luthers - Der Ursprung der anthropozentrischen Religion"

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Es lohnt sich mehrfach, sich mit den Voraussetzungen der lutherischen Lehre zu beschäftigen. "Das ICH im Glauben bei Martin Luther – Der Ursprung der anthropozentrischen Religion" von Paul Hacker bietet dazu einen hervorragenden Einstieg.

Paul Hacker (1913-1979) - Gelehrter, Konvertit, Apologet - war Slawist und Indologe, Professor in Darbhanga, Indien, Bonn, Münster und Philadelphia. Nach intensivem innerem Ringen trat er 1962 vom Protestantismus zur Katholischen Kirche über:

„Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, daß das vorliegende Buch in engstem Zusammenhang mit seiner Konversion zu sehen ist. Insofern ist es, freilich unausgesprochen und kaum merklich, eine Art Rechenschaftsbericht, der die Gründe seiner Abkehr vom Protestantismus offenlegt“
(Rudolf Kaschewsky, Schüler des Autors, im Vorwort)

Wie andere bekannte intellektuelle Konvertiten (in Wien ist besonders Dietrich von Hildebrand zu nennen, dessen Gedenktafel in der Habsburgergasse 5 leider kaum beachtet wird) hat er unter den Wirren der Konzilszeit sehr gelitten und in vielen Publikationen (etwa in der Una Voce – Korrespondenz) die „Protestantisierung“ der katholischen Liturgie und Theologie beklagt.

Das Buch

Hackers Buch ist ein echter Fund. Dem Autor gelingt es, schwierige und subtile theologische Gedankengänge, die widersprüchliche Entwicklung des Denken Luthers und die Vielschichtigkeit des menschlichen Innenlebens verständlich auf den Punkt zu bringen. Das Buch ist wissenschaftlich anspruchsvoll, aber keine reine Spezialistenliteratur, es ist übersichtlich gestaltet und spannend geschrieben. Die vielen gut eingesetzten Luther-Zitate zeugen von hervorragender Literaturkenntnis.
Es gehört jedoch zum Wesen des Themas, daß manche Abschnitte, besonders das 7. Kapitel, ein erhebliches Problembewußtsein erfordern.

Kommen wir also zum Thema: „Reformation“?

Die ausführlichst belegte (und im übrigen nicht neue, vgl. zeitnahe St. Thomas More, A Dialogue Concerning Heresies, 1528) Grundthese des Buches ist, daß Martin Luther kein „Reformer“ war, in dem Sinne, daß er eine aus der Form geratene Glaubenspraxis wieder in die rechte Form zurückgebracht hätte (lat. re-formare), sondern, daß er im Gegenteil ein völlig neues Glaubenssystem erfunden hat, das er auf verschiedene, aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelverse unter Außerachtlassung der gesamten 1500jährigen Tradition errichtet hat. Und in diesem System ist er der einzige Interpret, Prophet und gleichsam unfehlbare Papst.

Inhaltlich besteht dieses System in der sogenannten reflexiven, „apprehensiv-statuierenden“ Aneignung des Heils in einem neuartig konzipierten Glaubensvollzug („Fiduzialglauben“).
Auf gut Deutsch gesagt: Jeder, der sich nur fest genug einredet, die Gnade Gottes zu erlangen, hat sie schon erlangt, kann sie nicht verlieren und muß sich ihrer im Handeln nicht würdig erweisen (Verwerfung der „Werke“). Lediglich die Rezitation einiger Bibelverse zum Zweck der Selbstvergewisserung, d. h. ihrer selbsthypnotisch Beziehung auf das Selbst (darum „anthropozentrische Religion“), ist de facto notwendig.

Das widerspricht dem althergebrachten, biblisch grundgelegten katholischen Glauben, wonach Glaube, Hoffnung und Liebe zusammengehören und sich in einem entsprechenden Lebenswandel bewähren müssen. Eine Heilsgarantie besteht nicht, die beständige Möglichkeit des Abfalls muß zur Wachsamkeit ermutigen.

Verdrängung der letzten Fragen und Seelenleid

Man muß das nur aussprechen und hört gleichsam schon im Hintergrund die Fragen des „modernen“ Menschen: Um solche Dinge wurde da gestritten? Worüber reden die überhaupt? Interessiert das in Zeiten von „Dialog“, „Integration“ und „Inklusion“ noch irgendjemanden? Das ist eine sehr oberflächliche Gesinnung. Genau das ist nämlich der Punkt des christlichen Bewußtseins, mithin Grundlage vieler Kulturen, nicht zuletzt Europas, des ehemaligen christlichen Abendlandes:
Um das ewige Heil zu erlangen, sind richtiger Glaube und richtiges Handeln von entscheidender Bedeutung. Das richtige Handeln (besonders gemäß Mt 5 – 7, Mt 25, 31ff u. v. a.) ermöglichte historisch gesehen den Aufbau einer menschenwürdigen abendländischen Zivilisation (die derzeit bewußt abgebrochen wird).

Wer sich aber weder um Glauben noch um richtiges Handeln schert, wird verdammt (Mk 16, 16 u. a.).
Und das ist derzeit sehr aktuell: Das sogenannte „Mittelalter“ kannte noch die Höllenangst. Tief drinnen im Gewissen wußte der Christ jener Zeit immer, daß er sein Leben aus eigener Schuld so gestalten bzw. verunstalten kann, daß er umsonst gelebt hat und das Ziel, zu dem er hin ursprünglich geschaffen ist, nicht erreichen wird. Das nennt man „Hölle“, eines der prominentesten und derzeit am meisten verdrängten Themen des Neuen Testamentes.

Heutzutage ist – auch aufgrund des schrecklichen Versagens der kirchlichen Lehrunterweisung im Gefolge des II. Vaticanums – dieses Bewußtsein verschwunden. Genauer gesagt, es ist abgedrängt worden. Daher einerseits auch die unfaßbare Verrohung des Lebens in unserer Gesellschaft. Was Massenabtreibung, Kindesmißbrauch und die Ausbreitung menschenverachtender, totalitärer Ideologien nur allzu deutlich zeigen.

Nach dem Abdrängen eines hellen und ausfluchtfreien moralischen Bewußtseins vor Gott wuchern andererseits die Gewissensängste – die man freilich nicht mehr so nennt. Aus dem chronisch schlechten Gewissen werden dann die berühmten „psychischen Krankheiten“ – zumindest viele von ihnen. Und da man die traditionellen Therapievorschläge (aufrichtiges Schuldeingeständnis, Beichte, Buße, entschlossene Besserung des Lebenswandels, Suche nach dem Willen Gottes), nicht mehr kennt – oder verlacht – greift man zu ungeeigneten Mitteln.

Kein Medikament und keine atheistisch konzipierte „Psychotherapie“ dieser Welt können aber Gewissensfrieden schenken. Oder das endgültige Heil. Luther ist jedoch genau einer der ersten, der eine Art von „Psychotherapie“ anbieten, insofern ist er sehr „modern“. Hacker spricht in diesem Zusammenhang von „Bewußtseinsverdrängungsübung“ (145) und sogar „Flucht vor Gott“ (281, vgl. dazu das berühmte gleichnamige Werk von Max Picard aus dem Jahr 1934).

Eine neue Glaubenslehre…

Hacker legt die subtilen lutherischen Weichenstellungen offen und bescheinigt dem Wittenberger Mönch ein sensibles Innenleben und eine starke Reflexionsfähigkeit:
„Luther nennt den Glauben, wie er ihn lehrt, oft eine Zuversicht, ein Vertrauen. Aber reflexiver Glaube und Vertrauen auf Gott sind doch nicht dasselbe. Vertrauen ist ein sehr personales Verhalten, das immer Achtung oder Ehrfurcht vor der Freiheit der Person dessen, dem man vertraut, einschließt. (…) Würde er aber von dieser Person etwas zu erreichen suchen dadurch, daß er ihr vertraut, so wäre das Personale der Beziehung gestört. (…) Genau dies geschieht aber im reflexiven Glauben. Dieser ist daher kein echt personales Verhalten. Reiner Glaube nimmt einen Glaubensinhalt an auf die Autorität der Person hin, der er vertraut, ohne sich dabei auf sein Subjekt zurückzubeugen“ (48).

Luther verfehlt somit die klassische Praxis des inneren Lebens, das natürlich wechselnde Stimmungslagen und oft lange Perioden geistlicher Trockenheit oder Versuchung kennt:
„Die Doktrin des reflexiven Glaubens, in ihrem Anfang ein Ausdruck der Sehnsucht nach dem Frieden, durch das tatsächliche Erleben des Friedens scheinbar bestätigt und darum mehr und mehr zur Norm gefestigt, wird nach dem unausweichlichen Verlust des Friedens zu einem Instrument, mit dem die Ungeduld sich den Frieden zurückholen und sichern will. Das ist die eigentlich protestantische Wende.

Christliche Spiritualität erträgt es nicht, daß der Mensch begierig nach geistlicher Tröstung verlange (dadurch unterscheidet sich der Christ vom heidnischen Bhaktifrommen).“ (120)
Hacker resümiert dazu:
„Luthers Mystik ist nicht zur Reife gekommen, weil er die Geduld verlor und das Leiden, das dem für die Erfahrung der ‚leuchtenden Finsternis‘ bestimmten Menschen nicht erspart bleibt, nicht durchstand“ (127).

…mit enormen Auswirkungen

Alle diese theologischen Vorentscheidungen Luthers, besonders die Zurückbiegung des Glaubens auf das Ich, bleiben nicht ohne Konsequenzen. Sie führen letztlich zum Bruch mit der Kirche. Sie zerstören die Reichseinheit. Sie bedingen das Aufkommen neuer, extremer Gruppen, der „Schwärmer“ oder „Schwarmgeister“, die die Gedanken Luthers selbst aufgreifen, von diesem aber aus Konkurrenzgründen massiv bekämpft werden.

Schließlich hat Luther „einen der Ausgangspunkte des modernen Säkularismus geschaffen“ (183):
Hacker zieht eine geistesgeschichtliche Linie von Luther über Rudolf Bultmann und Martin Heidegger in die völlige Auflösung des Glaubens (um diesbezügliche Forschungen, einschließlich einer substantiellen Kritik an Karl Rahner, der seinerseits als Heidegger-Schüler gilt, hat sich auch die deutsche Philosophin Alma von Stockhausen verdient gemacht).

Die (dogmatisch genau umrissene) Unfehlbarkeit des Papstes in Fragen des Glaubens und der Moral verschiebt sich nun zur Person Martin Luthers. Er selbst ist der einzig Unfehlbare in seinem Glaubenssystem.

Dieses hat mit der Bibel nur das zu tun, daß er einige ausgewählte Verse, vornehmlich aus dem Römerbrief und dem Galaterbrief, gegen den gesamten biblischen Glauben ausspielt. Das Sola Scriptura – Prinzip ist überdies eine von außen an den Bibeltext herangetragene ideologische Vorentscheidung. Es zieht mit innerer Notwendigkeit eine willkürliche und rabulistische Bibelauslegung nach sich – für die wiederum Luther selbst die ausschließliche Kompetenz besitzt.
Nachdem dieses System theoretisch und praktisch egozentrisch ist, wird der „Reformator“ aggressiv: Gegen die „Papisten“, gegen die Mönche, gegen die Juden, gegen die Bauern, gegen die Frauen, gegen die „Schwarmgeister“ – und ständig neue Spaltungen innerhalb der „Reformation“ sind die Folge.

Der falsche Prophet wird an den schlechten Früchten erkannt.

Tragische Verfehlung eines wichtigen Anliegens

Die Lage der Kirche in jener Zeit der Renaissance ist unbestritten schlimm. Die Päpste geben, von Hadrian VI. (1522-1523) abgesehen, kein gutes Beispiel ab. Kein Katholik würde die Auswüchse von Ablaßhandel und Ämterkauf verteidigen. Der Paganismus der Renaissance und der Hochmut der Humanisten haben der Kirche erkennbar nicht gut getan. Aber Luther verfehlt die echte Reform: „Wenn die römische Kurie ihm kein gutes Beispiel gab – war es dann nicht an ihm, das Beispiel des echten Reformators zu geben? Luther tat nicht, was er gepredigt hatte“ (130).

Der Protestantismus und die protestantischen Christen

Weder Paul Hacker noch der Rezensent beabsichtigen eine Beleidigung protestantischer Christen.
Letzterer hat die Ehre, mit menschlich vorbildlichen Angehörigen protestantischer bzw. freikirchlicher Bekenntnisse in freundschaftlichem Kontakt zu stehen und ist für einen guten Gedankenaustausch immer dankbar.

Worum es aber abseits des offiziellen, sinnfreien und selbstzweckhaften „Ökumene“-Betriebs gehen muß, ist, daß einmal endgültig und rechtzeitig vor dem 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Wittenberg alle Karten auf den Tisch gelegt werden:
Die wichtigste Frage ist dabei, ob sich Martin Luther zu Recht auf die Bibel berufen und als echter Reformer gelten kann oder nicht. Der Autor und der Rezensent meinen, mit vielen anderen Autoren seit den Lebzeiten Luthers, daß beides nicht der Fall ist. Eine rückhaltlos ehrliche Beschäftigung mit Luther muß daher zugunsten des geistlichen und zeitlichen Wohls aller, die es betrifft, nicht zuletzt unserer gesamten Zivilisation, endlich durchgeführt werden.

Fazit

Wir sehen derzeit dessen implosionsartigen Niedergang im deutschen Sprachraum. Der deutsche und österreichische Protestantismus ist kaum mehr als eine Vorfeldorganisation linker Parteien. Christliches Profil ist außerhalb bekenntnisorientierter Kreise keines erkennbar. Es ist daher gut möglich, daß der Katholischen Kirche oder einigen besonders „ökumenischen“ Kardinälen bis in drei Jahren der Partner für die geplanten „ökumenischen“ Feiern (so etwas soll es wirklich geben) abhanden gekommen sein wird.

Nun, es gibt ohnehin nichts zu feiern.

Eine gründliche und ausfluchtlose Neubewertung Martin Luthers steht ins Haus – mit allen Konsequenzen.

Da nur die Wahrheit frei machen kann (vgl. Joh 8,32), ist Paul Hacker posthum für seinen Beitrag zur Wahrheitsfindung zu danken.

Dank gebührt auch dem Verleger Benedikt Trost, im Hauptberuf Rechtsanwalt, der sich mit der Neuauflage des aus Gründen der „Ökumene“ bald nach dem Erscheinen vom Markt genommenen Buches große Verdienste erworben hat. Nach eigenen Angaben war es das erste Buchprojekt des Verlages (2002), „quasi die Geburtsstunde des Verlags“. Das große Interesse erforderte eine Neuauflage. Wir hoffen und wünschen, daß noch viele Auflagen auf den Markt und in die Hände aller, die es betreffen sollte, gelangen.

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Paul Hacker, Das ICH im Glauben bei Martin Luther – Der Ursprung der anthropozentrischen Religion, mit einem Vorwort von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. (zur ersten Auflage 1966, mit dessen Erlaubnis 2002 neu abgedruckt), durchgesehener und neu umgebrochener Neudruck der Ausgabe Bonn 2002, nova & vetera, Bonn 2009, 318 Seiten, 29.50 EURI – www.novaetvetera.de


*MMag. Wolfram Schrems, katholischer Theologe, Philosoph, Katechist, reiche Erfahrung im interkonfessionellen Gespräch

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Dieser Artikel ist zuerst erschienen auf katholisches.info am 2014-11-18 via URL ==> http://www.katholisches.info/2014/11/18/zum-bevorstehenden-lutherjahr-eine-rezension-als-kritischer-beitrag-zu-den-wurzeln-lutherischer-theologie


(PH - 2014-11-18)

Wie vollzieht sich die geistliche Erneuerung in der Diözese Würzburg?
Aus dem LW-K Rundbrief Juni 2010:


Seit vielen Jahren spricht man auch in der Diözese Würzburg über eine Erneuerung im Glauben, aber es sind leider keine konkreten Ansätze zu erkennen. Die vielen Versuche wie zum Bsp. „Wege suchen im Gespräch“ sind im Sand verlaufen, die ehemals bewährten Gemeindemissionen sind verpönt und es sind gegenwärtig auch keine missionarischen Impuls für die Gemeinden zu erkennen. Dagegen hat Papst Benedikt XVI. die Mission als unverzichtbare Aufgabe von Kirche und Christen in der Welt und für die Menschheit bezeichnet. Mission sei gerade in einer Zeit notwendig, in der eine gewisse Orientierungslosigkeit herrsche und sich ein Humanismus ausbreite, der Gott auszublenden versuche.

Das vom Hl. Vater ausgerufene Jahr des Priesters mit Hinblick auf den Hl. Pfr. von Ars hat den Liborius Wagner-Kreis ermuntert, die Pastoral des heiligen Pfarrers näher zu betrachten.

Die Pastoral des Heiligen Pfarreers von Ars war - missionarisch gesehen - ausserordentlich erfolgreich, denn aus seiner 400-Seelengemeinde von Ars entwickelte sich eine Gemeinde mit vielen Tausenden von Seelen, verstreut über die ganze Welt. Als er 1818 nach Ars kam fand er eine verlotterte Gemeinde vor und die Kirchenbesucher konnte er an der Hand abzählen. Seine Pastoral kann auch eine Anleitung zur Erneuerung der Diözese Würzburg sein.

Das Ziel

Wenn ich eine erfolgreiche Pastoral erhoffen will, muss das oberste Ziel klar sein. Was will ich in meiner Gemeinde erreichen, wohin will ich meine Gemeinde führen. Bei uns ist das Ziel nicht mehr klar und daher unternimmt man auch keine Anstrengungen um dieses Ziel zu erreichen.

Der hl. Pfr. von Ars brachte sein Ziel bereits bei der ersten Begegnung mit Kindern seiner neuen Pfarrei zum Ausdruck. Er hatte sich vor Ars etwas verlaufen und fragte die Kinder nach dem Weg zum Dorf. Zu einem, der ihm Auskunft gab, sagte er: „Mein kleiner Freund, Du hast mir den Weg nach Ars gezeigt, ich werde Dir den Weg in den Himmel zeigen.“. Das Ziel jeder Pastoral muss darin münden, den Pfarrmitgliedern den Weg in den Himmel zu zeigen oder anders ausgedrückt die Pastoral muss als allererstes der Ehre Gottes und dem Heil der Seelen dienen.

Selbstheiligung

Um jemandem den Weg in den Himmel zeigen zu können muss ich mich bemühen selbst heilig zu werden. Niemand kann geben was er nicht selbst hat. Dabei darf man sich nie bereits als Heiligen sehen sondern stets als das was man ist und bleibt, als großen Sünder. Aber das Ziel, einmal Heilige werden zu wollen, darf man nicht aus den Augen verlieren. Das gilt besonders für den Priester der Gemeinde und der Heilige Vater und viele Gläubige beten mit ihm um heilige Priester. Das Leben des hl. Pfarrers von Ars ist auch hier ein großes Vorbild. Er tat alles, um die Ehre Gottes zu fördern. Seine Liebe zu Gott schien keine Grenzen zu kennen.
Daneben verleugnete er sich selbst, half stets wo er konnte, verschenkte alles was er bekam den Armen und Hilfsbedürftigen, gründete das Mädchenheim „Haus der Vorsehung“ und lebte in einer kaum vorstellbaren Armut.

Kampf gegen die Sünde

Der größte Einsatz des hl. Pfarrers erfolgte im Kampf gegen die Sünde. Sie zerstört die enge Beziehung zu Christus oder lässt sie gar nicht aufkommen. Heute ist der bewußte Kampf gegen die Sünde in vielen Gemeinden und bei vielen Christen eingeschlafen. Sünde gibt es für viele nicht mehr und wer von Sünde spricht und sich öffentlich dagegen wendet, wird den Widerstand vieler Kreise erfahren.
Doch ohne den bewussten Kampf gegen die Sünde wird man auch heute keine Pfarrgemeinde verändern. Der hl. Pfarrer liebte die Sünder, aber er geißelte die Sünde und stellte die Folgen der Sünde, aber noch mehr die Schönheit ohne Sünde zu leben, den Menschen klar vor Augen. Besonders kämpfte er gegen die Übertretung der Sonntagsheiligung, gegen das damals übliche öffentliche Fluchen, den ausgelassenen Tanz, die Unkeuschheiten und das Betrinken. Er brauchte viele Jahre um diesen Kampf zu gewinnen, wobei er sich selbst nicht schonte und für die Sünder Buße tat. Er wusste über die Kraft der Leidenschaften und trat ihnen mutig und unnachgiebig entgegen. Wenn heute in Gerolzhofen von der Kirche für Kinder und Jugendliche Hipp-Hopp Tanzkurse angeboten und im Internet als „auch das ist Kirche“ gepriesen werden ( siehe Internet-Link: gloria.tv/?media=74338 ), so sind das klassische Irrwege. Ebenso kann man mit Yoga-Kursen in unseren katholischen Bildungshäusern keine Menschen zu Christus führen. Eine ernsthafte Beschäftigung mit dem hl. Pfr. v. Ars tut hier Not.

Hausbesuche

Ein junger Priester kam in seine neue Gemeinde und stellt fest, dass die Menschen nicht zum Pfarrer kamen. Er sagte sich folgerichtig: Wenn die Menschen nicht zum Pfarrer gehen, dann geht der Pfarrer zu den Menschen. Hat er in seinen Entschluss das Beispiel des hl. Pfarrers nachgeahmt? Wie sah es beim Kommen des hl. Pfarrers in seiner neuen Gemeinde aus? Die Kirche war fast immer leer. Er begann die einzelnen Familien zu besuchen, meistens um die Mittagszeit. Hier wusste er, dass sich alle zum Essen versammelt hatten und er konnte mit ihnen beten und über ihre Probleme sprechen. Aus solchen Gesprächen erwachsen Kontakte und es wächst die Gemeinde. Das war damals der Fall und es ist heute kaum anders. Eine Pfarrei ohne Kontakte zwischen Pfarrer und den Gläubigen ist zum Niedergang verurteilt. Der Versuch, die Gemeinde mit dem Computer und mit Handzettel zu erreichen, schlägt immer fehl. Der Pfarrer muss Hirte bleiben und darf nicht zum Manager werden.

Kampf gegen die religiöse Unwissenheit

Eine Erneuerung ohne eine solide Katechese wird es nicht geben. Der andauernden, meist den Glauben aussparenden Informationsflut, besonders aus dem Medium Internet und Fernsehen, muss eine solide, tiefgläubige Katechese entgegengestellt werden. Und wie sträflich wird dies gerade heute bei uns vernachlässigt. Der Verlust der Katechese ist wohl der eigentliche Grund für den Niedergang in unserer Kirche.

Der religiöse Unterricht der Jugend war für den Pfarrer von Ars die dringlichste seiner Sorgen als Hirte der Gemeinde. Der junge Pfarrer ging daran, sie von Allerheiligen bis zur Zeit der ersten Kommunion jeden Wochentag um sich zu versammeln. An Sonntagen erteilte er den Katechismusunterricht vor der Vesper, gegen ein Uhr. Mit allerlei Listen lockte er seine junge Welt in die Kirche. Am Sonntag durften sich auch die älteren Leute zu den Schülern für den Katechismusunterricht gesellen. Später wurden seine Katechismusstunden in die Kirche verlegt und die vielen Besucher lauschten bei den Erläuterungen der Geheimnisse des katholischen Glaubens.

Geistliche Elite

Mit seiner, aus der Praxis eines Bauernhofes entwickelten Lebenserfahrung, war ihm klar, wenn man eine große Aufgabe erfüllen will, braucht man möglichst viele Helfer. Dies gilt auch bei der Erneuerung der Seelen. Er benötigte eine Elite, die ihn in seiner Arbeit unterstützte. Daneben war es wichtig, dass seine Leute sagen konnten: „Unser Pfarrer tut was er sagt“. Ebenso gilt auch das Wort für die Pastoral: „Der Hirte muss vorangehen“, d.h. der Pfarrer muss vorangehen. Es gibt immer gute Charaktere, die einmal angesprochen, mitmachen. So war es in Ars, so ist es auch bei uns. Der Vespergottesdienst wurde dort stark vernachlässigt. Haben wir das nicht auch bei uns in den Gemeinden? Bei einer passenden Gelegenheit, bei der auch eine Gruppe junger Leute sich einmal eingefunden hatten, hatte er die Eingebung, an sie alle ein gemeinsames Wort zu richten und sie im Bewusstsein der gemeinsamen Frömmigkeit zusammenzuschließen. „Meine Kinder“ legte er ihnen dar, „wenn ihr wollt, beten wir den Rosenkranz miteinander, auf dass uns die liebe Gottesmutter die Gnade erwirke, das, was ihr tun wollt, gut zu tun.“ Diese Jugendlichen und auch noch andere sollten sich zur ersten Gruppe der „Bruderschaft vom heiligen Rosenkranz“ zusammenschließen. Wann beginnen unsere Priester wieder Menschen um sich zu sammeln, um mit ihnen gemeinsam den Rosenkranz zu beten?

Die besondere Hilfe des Beichtsakramentes

Allein die Erfahrung, dass Gott unsere Sünden auf sich genommen und uns erlöst hat, was wir konkret im Sakrament der Beichte erfahren können, macht uns schon glücklich. Dieses Ziel, stets das wahre Glück des Menschen zu suchen, das sich nur in einer Seele mit einem reinen Gewissen befindet, ist ein Grund, die Gemeinde in eine gute Beichtpraxis zu führen. Hier hat der hl. Pfarrer unmenschliches geleistet und so seinen Beitrag zum Glück vieler Tausender Menschen beigetragen. Man kann auch heute noch ruhig sagen, eine Gemeinde in der nicht mehr gebeichtet wird ist eine unglückliche Gemeinde, auch wenn man selbst glaubt, in einer guten, lebendigen Gemeinde zu leben.

Anbetung

„Wenn unser Pfarrer nicht im Pfarrhaus ist, dann ist er drüben in der Kirche.“ Und immer wieder fanden die Pfarrkinder von Ars ihren Pfarrer auf den Altarstufen kniend mit dem Blick auf den Tabernakel, in Anbetung versunken. Das Vorbild ihres Pfarrers war ansteckend. Ein paar eifrige Seelen zogen andere nach und so kam es, dass seit 1825, also noch vor dem großen Pilgerzustrom, außer dem Pfarrer, der sozusagen sein ganzes Leben vor dem Allerheiligsten zubrachte, ständig Personen in der Kirche beteten. Ich kann mich nicht entsinnen, versicherte der Lehrer Pertinand, je dort eingetreten zu sein, ohne einen Menschen in Anbetung getroffen zu haben. Wann haben Sie ihren Pfarrer außerhalb einer Messe oder Gebetsandacht kniend vor dem Tabernakel gefunden? Bitte ihr Priester in der Diözese, verbringt wieder einen Teil euerer Zeit vor dem Herrn, vor dem Tabernakel. Die Anbetung ist wichtiger als alle Sitzungen und Verwaltungsakte.

Eine heilige Messe

Der derzeitig in vielen Pfarreien praktizierte liturgische Ungehorsam zeigt den Zerfall des Priestertums und damit den Zerfall unserer Gemeinden. Ist der Priester doch nicht Herr der Liturgie sondern Diener der Liturgie (siehe auch Vatikanum II, Konstitution über die heilige Liturgie, Ziffer 22, §3) und er muss diese so feiern wie es die Kirche vorschreibt. Der liturgische Ungehorsam am höchsten Gut, das die Kirche besitzt, öffnet die Türen für weiteren Ungehorsam in jedem Bereich. Er zeigt: Man braucht ja Gott und die Kirche nicht so ernst zu nehmen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.
Bei dem hl. Pfr. v. Ars war die heilige Messe der eigentliche Höhepunkt seiner Pastoral. Alles an ihm war in dieser hl. Feier auf das Übernatürlich dieses Geschehens ausgerichtet. In diesem Augenblick schien die Erde für ihn versunken. Auch nicht ein Schatten von Traurigkeit war auf seinem Antlitz zu erkennen. Er hat den Ausspruch getan: „Ich möchte nicht nur Seelsorger in einer Pfarrei sein; es ist mir aber eine selige Freude, Priester zu sein und das heilige Opfer darbringen zu können!“ Nach einer Bemerkung seines Beichtvaters „bildete all sein Tun vom Augenblick seines Aufstehens an eine ausgezeichnete Vorbereitung“. Trotzdem wollte er sich für einige Minuten vor der heiligen Messe sammeln. „Auf den Steinfliesen des Chores kniete er unbeweglich mit gefalteten Händen, die Augen auf den Tabernakel geheftet. Nichts vermochte ihn in diesem Augenblick zu zerstreuen.“ Eine solche Haltung würde auch heute dem modernen Menschen die Erhabenheit des Altarsakramentes mehr verdeutlichen als manche wortreiche Predigt.

Übernatürliche Unterstützung

Er wusste, dass ein Pfarrer und eine Pfarrei nie alleine stehen und dass die Kirche und auch seine Pfarrei von dem großen Heer der Heiligen unterstützt werden und „von oben“ Hilfe bekommt. Das hat er ausgenutzt und diese Helfer immer wieder angerufen und auch zu ihrer Verehrung und Anrufung hingeführt. Er wollte mit frommen Bildern und Statuen die guten und schlichten Seelen tief beeinflussen und weiterbilden. Darum mehrte er in seiner Kirche die Gemälde und Statuen. Der hl Joseph und Petrus schmückten das Heiligtum; der hl. Sixtus, Patron der Pfarrei, und der hl. Blasius ragten am Eingang des Chores. Eine ruhende Philomena-Statue bildete das Gegenstück zu einem Christus im Grab, die beide in ihren entsprechenden Kapellen untergebracht waren. In Nischen oder einfach auf Wandsockeln standen Unsere Liebe Frau von der wunderbaren Medaille, eine Mutergottes mit dem Jesuskind, der hl. Johannes der Täufer, der hl. Laurentius, der hl. Franziskus von Assisi, die hl. Katharina von Siena, der hl. Benedikt Labre, der hl. Michael, ferner der Erzengel Raphael mit den jungen Tobias. Alles in diesem Kirchlein sprach zu den Augen eines Christen. „Zuweilen“, erklärte der Pfarrer Vianney, „braucht es nur eines Blickes auf ein Bild, um uns zu rühren und uns zu bekehren. Oft trifft uns ein Bild fast ebenso mächtig wie der dargestellte Gegenstand selber.“
Das Ergebnis seiner Bemühungen gibt ihn Recht.

Und heute?

Die meisten angesprochenen Punkte der Pastoral des hl. Pfarrers sind logische Konsequenzen des ganz normalen katholischen Glaubens und können und sollten eigentlich von jedem Pfarrer praktiziert und nachvollzogen werden können. Sie kommen an und sind „erfolgreich“. Aber sie müssen getan und nicht ausgeklammert werden. Wenn heute die Gemeinden schrumpfen, so sind nicht irgendwelche Umstände von außen maßgeblich, sondern sehr wohl eine Pastoral, die sich auf den Menschen fokussiert, seine Wünsche und Vorstellungen zu verwirklichen sucht und die Gott an den Rand gedrängt hat. Der hl. Pfr. von Ars kann hier in jeder Hinsicht ein Vorbild für die Erneuerung unserer Gemeinden sein.

(GB - 2010-06-01)




 

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