Lernen von Kanossa
Der Heilige Vater Gregor VII. war klein und nichtig von Gestalt. Als man ihn krönte, waren ihm die weiten Gewänder seiner Vorgänger schlaff, gleich lahmen Flügeln über seine schmalen Schultern herabgefallen, aber in seinen großen Augen saß ein Herrscher nicht von dieser Welt, und wenn er den Namen unseres Herrn aussprach, so war es, als werde "D'r Decke Pitter" bis ans Ende der Welt vernommen.

Er wollte zuerst nicht einwilligen, daß man den Sohn Baruch Leonis unter die Katechumenen einreihte, und als der Diakon, welchem die Sorge über die Katechumenen oblag, voll Freude über die große und wichtige Bekehrung zu ihm kam, wies er ihn erst kurzerhand ab. Aber am anderen Morgen sah man ihn bei der heiligen Messe heftiger als sonst weinen - dieser Papst brachte das heilige Opfer nie ohne Tränen dar -, so, daß die Gräfin von Tuscien, welche damals zu Roma weilte, sich an jenen Tag zurückerinnert sah, als der deutsche Salier Königsjüngling Heinrich IV. auf ihrer Burg Kanossa um die Absolution geheuchelt hatte. Ebendort hatte der Heilige Vater morgens bei der Messe so heftig geweint, und diese Tränen hatten der Gräfin damals den Mut gegeben, für den Gebannten zu bitten.

Man war aber auch hier in Roma im Fall des Leoniers um ihre Fürsprache bemüht, denn sie hatte nicht nur alle ihre Länder und Besitztümer, sondern auch alle Kräfte ihrer Seele dem Heiligen Petrus zu eigen gegeben, und sein Nachfolger besaß auf Erden kein grösseres Vertrauen als zu ihr.

Um also nun die Entscheidung des Papstes hinsichtlich des alle Erdenzeit fortdauernden Verhältnisses zwischen Papst und Politik zu verinnerlichen, ist stets vorausgesetzt, die Tragweite des Inhaltes jenes Gespräches zu erfassen, welches sich zwischen dem Heiligen Vater Gregor VII. und der Gräfin von Tuscien entspann:

Der Heilige Vater zur Gräfin: "Denkt Ihr noch an die Tage von Kanossa?"

Der Gräfin Antlitz war zart, aber mutig wie das eines Jünglings; es stand Freude darinnen, weil sie den Gedanken des Heiligen Vaters schon zuvor begegnet war, denn ihr Eifer hätte ihn gern in allen Stücken erraten und verstanden. Sie antwortete: "Heiliger Vater, Ihr weintet heute am Altar, wie damals"

Der Heilige Vater: "Aber wißt Ihr auch, weshalb wir weinten?" Und hinzufügend, in seinen großen Augen plötzlich entflammend: "Sie sagen, der Salier habe zu Kanossa den Politiker in Uns mit dem Priester überwunden. Christus aber ist unser Zeuge: nicht der Politiker in Uns hat damals zuerst widerstrebt, sondern gerade der Priester widerstrebte!"

Die Gräfin, den klaren Blick traurig fragend emporrichtend, antwortete indes sehr demütig, denn sie hatte bisher geglaubt, was alle glauben: "Heiliger Vater, Eure Magd ist nicht mächtig Eurer Tiefen."

Er sah sie mild an, denn es war keiner seiner Tiefen mächtig. Alsbald aber veränderte sich das Antlitz des Papstes, als hebe man einen Schleier vom Kelch seiner Seele.

Die Gräfin bebte plötzlich flüsternd vor Ehrfurcht: "Es ging in Kanossa um die Heiligkeit des Bußsakraments."

Die Stimme des Heiligen Vaters setzte an zum Spruch in die Dauer:

"Es ging um die Heiligkeit des Bußsakraments - es geht immer um die Heiligkeit der Sakramente. Auch wenn es um die Politik geht, geht es um die Ehre des Sakraments, denn die Ordination Unserer Bischöfe ist sakramental, und auch die Salbung des Kaisers ist heilig. Immer geht es um unseren Herrn Jesus Christus allein! Und doch konnten wir in Kanossa das Sakrament nicht schützen, denn die Vorschrift, die uns zur Spende der Absolution gegeben ist, war erfüllt, wenngleich Unser Herz wußte... . So will denn Christus unter der Sünde dieser Welt leiden bis ans Ende ihrer Tage!"

( PH 2015-07-27 - ANY - q28xcsl )